Sonntag, 25. Oktober 2026

Die Corran Point Battery / Schottland

Um die Rolle der Corran Point Battery zu verstehen, muss man den Gesamtkontext kennen, den ich im Folgenden kurz umreißen möchte. 

Im Jahr 1917 stand die alliierte Schifffahrt unter dem massiven Druck uneingeschränkter deutscher U-Boot-Angriffe. Um diese Bedrohung einzudämmen, vereinbarten die USA und Großbritannien ein militärisches Großprojekt ohnegleichen: die Errichtung der sogenannten Northern Barrage (Nordsee-Minensperre). Dieser gewaltige Minengürtel erstreckte sich über rund 230 Meilen von den Orkney-Inseln bis nach Norwegen und sollte den deutschen U-Booten den Zugang zum Nordatlantik dauerhaft abschneiden. 

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Reginald R. Belknap (Gemeinfrei / Public Domain))

Was heute oft in Vergessenheit gerät, ist die entscheidende Rolle, die die schottische Westküste – beispielsweise der Meeresarm Loch Linnhe und die dortigen militärischen Einrichtungen – als logistische Komponente für diese Operation spielte.

Die für die Sperre benötigten hochmodernen amerikanischen Minen des Typs Mark VI wurden nicht fertig montiert geliefert, sondern überquerten den Atlantik in Einzelteilen an Bord spezialisierter Transportschiffe. Auf diese Weise könnte ein Schiff etwa dreimal so viele Minen befördern, wie es bei einer Beladung mit zusammengebauten Einheiten möglich gewesen wäre.

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Um den gefährlichen und von U-Booten belagerten Seeweg um die schottische Ostküste zu vermeiden, wählten die Alliierten zwei geschützte Routen über die Westküste.

Eine dieser Routen lief über die US-Marinebasis Corpach nahe Fort William, die als Entladestation diente. 

Amerikanischen Matrosen entluden dort die Frachter, wie etwa die im Mai 1918 eingetroffenen USS Ozama und USS Lake Superior: 

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Das Hauptquartier und die Unterkünfte der dort stationierten 65 US-Soldaten befanden sich im heutigen Ravenswood House sowie in Zelten auf dem weitläufigen Grundstück des Anwesens. 

Das folgende Foto zeigt die Straßenseite von Ravenswood House; die wunderschöne viktorianische Seeseite des Gebäudes lässt sich leider nur fotografieren, wenn man dort wohnt.

Die Seeseite von Ravenswood House 1918:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Die Matrosen auf dem obigen Foto sehen in Richtung Ben Nevis:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Gleiches Motiv, vom benachbarten Ravensdale Court aus aufgenommen:

Corpach auf einer Karte der Britischen Admiralität von 1918:

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Great Britain Hydrographic Office (Gemeinfrei / Public Domain))

Der Pfeil markiert die Einmündung des Caledonian Canals, der Kreis den Standort von Ravenswood House. 

Von Corpach aus wurden die Komponenten auf Lastkähne verladen und über den Caledonian Canal transportiert: 

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Verlauf des Caledonian Canals:

(Kartendaten © OpenStreetMap-Mitwirkende (ODbL) / Erstellt mit QGIS)

Einmündung des Caledonian Canals in das Loch Eil:

Blick in Richtung Nordosten:

Der Kanalbetrieb lief rund um die Uhr, wofür eigens zusätzliche Leuchtfeuer installiert wurden. Am nordöstlichen Ende mündet der Kanal bei Inverness in den Moray Firth. Dort war die Glen Albyn Distillery als Minenstützpunkt requiriert und umgebaut worden ("Base 18"), in dem die Minen schließlich endgültig zusammengesetzt und auf die Minenleger verladen wurden. Rund 1.500 Minen pro Woche erreichten Inverness auf diesem Weg. 

Die Glen Albyn Distillery 1918:

(Bildquelle: Navy Department (Hg.): The Northern Barrage, Washington 1920 (Public Domain))

Es sei noch anzumerken, dass der Moray Firth an seiner Einmündung in die offene See ebenfalls durch eine britische Küstenbatterie geschützt wurde, die Chanonry Point Battery (siehe Blogartikel).

Der zweite Transportweg für Minenteile verlief weiter nördlich per Bahn über die Station Kyle of Lochalsh (siehe Blogartikel) zur Basis Invergordon am Cromarty Firth ("Base 17"), wo ebenfalls eine Destillerie, die Dalmore Distillery, zur Montage der Minen umfunktioniert worden war. Der Cromarty Firth wurde an seiner Mündung in die offene See durch die Batterien von North und South Sutor geschützt (siehe Blogbeitrag).

Zurück nach Corpach. Da der tiefe Meeresarm des Loch Linnhe und die Bucht von Corpach plötzlich zu einem strategisch kritischen Ankerplatz für wertvolle amerikanische Munitionstransporter wurden, mussten die Zufahrtswege dringend gegen feindliche Angriffe geschützt werden. Die engste Stelle des Loch Linnhe bildet die Meerenge bei Corran Point (Corran Narrows). Genau an diesem taktischen Kontrollpunkt errichtete die britische Admiralität eine Küstenbatterie, die von Royal Marines bemannt wurde:

(Bildquelle: Wikimedia Commons / Great Britain Hydrographic Office (Gemeinfrei / Public Domain))

Der blaue Pfeil kennzeichnet den Standort der Batterie auf dieser Admiralty Chart von 1918.

Die Aufgabe der Batterie war essenziell: Sie kontrollierte die Passage und schützte die unbewaffneten US-Minenschiffe beim Einlaufen in Richtung Corpach. Die Batterie bestand im Kern aus zwei 15-Pfünder-Geschützen sowie einer 7,5-Zoll-Haubitze. Da es sich um eine hastig errichtete Kriegsanlage handelte, verzichtete man auf massive Befestigungsmauern oder Erdwälle. Die Geschütze wurden stattdessen direkt auf einfachen Fundamentplatten aus Beton verankert, während die Munition in kleinen Holzkisten gelagert wurde. Zur Überwachung der Meerenge bei Dunkelheit verfügte die Stellung über zwei Suchscheinwerfer, die auf einer Hangterrasse unterhalb der 15-Pfünder neben einer kleinen Holzhütte aufgestellt waren.

Blick auf die Batterie von Südwesten im Jahr 1918:

(© IWM (Q 23047) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Wer heute die Halbinsel Ardgour besucht, steht vor der Herausforderung, die weitgehend verschwundenen Spuren dieser Batterie zu entdecken. Bei meinem Besuch im Frühsommer 2026 waren weite Teile des ehemaligen Batterieareals hinter Baustellen-Schutzwänden verborgen, hier links im Bild zu sehen:

Dennoch lässt sich die Anlage durch Abgleich mit den historischen Aufnahmen aus der Sammlung des Imperial War Museums im Gelände verorten. Als markante Orientierungspunkte dienen dabei der schon damals existierende Leuchtturm sowie seither unveränderte Landschaftsmerkmale.

Hauptorientierungspunkt ist das Ardgour War Memorial, ein keltisches Steinkreuz zum Gedenken an die Opfer des Krieges:

Dieses Denkmal steht exakt auf der ehemaligen Betonplattform des ersten 15-Pfünder-Geschützes. Am Fuße des Denkmals ist der eiserne Verankerungsring (Holdfast) mitsamt den originalen Bolzen, auf denen einst das Geschütz montiert war, deutlich sichtbar im Beton erhalten:




Die Stellung des zweiten 15-Pfünders liegt glücklicherweise ebenfalls frei und lässt sich im Gelände identifizieren, obwohl keine Betonplatte oder Bolzenkreis mehr existieren. Hier zunächst das Foto beider Geschütze aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23045) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Legt man einen Ausschnitt dieses Fotos über ein aktuelles Foto, ergibt sich die Position des zweiten Geschützes:

Auf dem nächsten Foto ist die Position des zweiten Geschützes durch einen roten Kreis markiert. Ich habe das Areal mit Bodensonde und Metalldetektor untersucht; die Betonplatte samt Bolzenkreis ist nicht mehr vorhanden.

Mehr zu den 15-Pfünder Geschützen in meinem Blogbeitrag über die militärischen Einrichtungen auf dem Canonry Ness.

Auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist die Position der damaligen 7,5-Zoll ( = 19cm) -Haubitze leider einem Parkplatz gewichen. Hier zuerst historische Aufnahmen aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23083) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23082) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Die Stelle sieht heute so aus:

Zur Positionsbestimmung der Haubitze hilft wieder eine Fotomontage, da der Leuchtturm auf dem zweiten historischen Foto heute noch existiert:

Der rote Kreis markiert die Position; ob sich unter der Erdaufschüttung vielleicht noch Reste der Verankerung befinden, habe ich nicht überprüft:

Noch ein paar Worte zu diesem Haubitzenmodell.

(© IWM (Q 20555) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Die genaue Bezeichnung war "BL 7.5-inch naval howitzer", eine Anti-U-Boot-Waffe, die 1917 als Reaktion auf den uneingeschränkten U-Boot-Krieg Deutschlands entwickelt wurde. Eigentlich war sie für die Verwendung auf Schiffen vorgesehen; mir ist keine zweite Küstenbatterie bekannt, in der sie eingesetzt wurde.

Die Haubitze, ein Steilfeuergeschütz, feuerte eine sehr spezielle Granate ab, eine Mischung aus panzerbrechender Granate und Wasserbombe. Sie sollte die Außenhülle des U-Boots durchdringen, ohne zu detonieren, und erst nach zweisekündiger Verzögerung an der Innenhülle detonieren.

Der Einsatz dieser Waffe in der Corran Point Battery erklärt sich nur, wenn man folgendes strategisches Konzept annimmt: Die Fahrrinne der Corran Narrows, der Engstelle unmittelbar vor Corran Point, war an der flachsten Stelle nur 11 Faden = ca. 20 Meter tief und äußerst schmal. Ein getauchtes U-Boot im Ersten Weltkrieg steuerte quasi blind und rein nach Kompass und Zeit. In einem so engen, von Untiefen flankierten Kanal zu manövrieren, wäre einem kolossalen Selbstmordkommando gleichgekommen; das U-Boot hätte die Engstelle also aufgetaucht passieren müssen. In diesem Fall wäre es von den Suchscheinwerfern erfasst und von den beiden 15-Pfünder Geschützen beschossen worden. 
Südlich der Corran Narrows fällt die Fahrrinne schnell auf 15 Faden (knapp 30 Meter) ab. Wenn ein deutsches U-Boot im Schutz der Dunkelheit dort aufgetaucht wäre, um die Narrows zu passieren und plötzlich von den Suchscheinwerfern der Royal Marines erfasst worden wäre, wäre die sofortige Defensivmaßnahme ein Notauftauchen oder ein Alarmtauchen gewesen. Die 7,5-Zoll-Haubitze war exakt dafür konzipiert, ein U-Boot unmittelbar nach einem solchen Abtauchen zu bekämpfen. Das zweite oben gezeigte Foto aus der Sammlung des Imperial War Museums zeigt exakt die Schussrichtung zu dieser Stelle.

Zu den Suchscheinwerfern:

Die einstige betonierte Hangterrasse für die Suchscheinwerfer samt Hütte ist mittlerweile vollständig unter Erdreich und dichter Vegetation verschwunden, lässt sich aber anhand der Topographie noch immer erahnen. Zunächst die historischen Fotos aus der Sammlung des Imperial War Museums:

(© IWM (Q 23046) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23080) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Kleiner Hinweis: Es handelt sich nicht um elektrische, sondern um Acetylen-Scheinwerfer. Die Acetylenflaschen sind neben der seitlichen Hüttenwand zu sehen; die Hütte ist als Generatorengebäude für zwei Scheinwerfer außerdem viel zu klein.

Heute sieht es dort so aus:

Die potenzielle Terrasse ist fast mehr zu erahnen als zu erkennen. Entsprechend ist die Fotomontage in einem gewissen Maß spekulativ:

Direkt unterhalb der 15-Pfünder-Positionen sieht es so aus (man beachte das Denkmal):

Vollständigkeitshalber hier noch die restlichen historischen Fotos des Imperial War Museums. Sie zeigen die Batteriebesatzung mit und ohne Gasmasken vor einem der beiden 15-Pfünder Geschütze:

(© IWM (Q 23078) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

(© IWM (Q 23084) (Lizenziert unter der IWM Non-Commercial Licence))

Historische Fotografien aus der Dienstzeit der Batterie, kombiniert mit aktuellen Aufnahmen der heutigen Situation vor Ort, verdeutlichen auf eindrucksvolle Weise, wie radikal sich dieser einstige militärische Hotspot wieder in eine beschauliche schottische Landschaft zurückverwandelt hat.

Zur abschließenden Orientierung ein Luftbild der Batterie mit ihren einzelnen Elementen:

(© 2026 Airbus, Maxar, Kartendaten © 2026 Google)

Legende:

  1. Ardgour Memorial = Position des rechten 15-Pfünder Geschützes
  2. Position des linken 15-Pfünder Geschützes
  3. Position der Anti-U-Boot Haubitze
  4. Suchscheinwerfer
  5. Corran Point Lighthouse
  6. Baustellen-Sichtschutz

Epilog: 

Insgesamt wurden über 70.000 Minen in der Nordsee verlegt. Deutsche Großkampfschiffe wurden durch diese Sperre nicht versenkt oder beschädigt. Bei den U-Booten sah die Bilanz ein wenig anders aus: Die offiziellen alliierten Statistiken vom März 1919 schrieben der Minensperre die sichere Zerstörung von 4 U-Booten und die wahrscheinliche Zerstörung von 2 bis 4 weiteren U-Booten zu. Zu den definitiv bestätigten Opfern gehört beispielsweise U-156, das am 25. September 1918 auf dem Rückweg nach Deutschland in der Sperre auf eine Mine lief und sank. Das ist keine üppige Ausbeute; der eigentliche militärische Erfolg der Northern Barrage lag daher weniger in der reinen Anzahl zerstörter Schiffe und U-Boote, sondern vielmehr in ihrer psychologischen Abschreckungsfunktion.

Nach dem Waffenstillstand standen die Alliierten vor der gigantischen Aufgabe, die Minensperre wieder zu beseitigen. Entsprechende Berichte der US Navy beschreiben die enormen Anstrengungen der Minensuchflotte unter Konteradmiral Joseph Strauss.

Das Räumen erwies sich als extrem tückisch: Die amerikanischen Mark-VI-Minen besaßen eine lange Kupferantenne, die bei der bloßen Berührung mit dem Stahlrumpf eines herkömmlichen Schiffes die Detonation auslöste. Erst durch eine technische Innovation – bei der der Rumpf der neuen Lapwing-Minensuchboote elektrisch negativ geladen wurde, um das Potenzial auszugleichen – konnte die Mission überhaupt durchgeführt werden.

Obwohl Admiral Strauss die Räumung am 30. September 1919 offiziell für beendet erklärte, enthüllten spätere historische Analysen eine ernüchternde Bilanz: Tatsächlich wurden nur etwa 40 Prozent der amerikanischen Minen physisch durch die Minensucher geräumt. Der verbleibende Großteil der Minen war entweder bereits während des Krieges vorzeitig detoniert, hatte sich von den Verankerungen gelöst oder war schlicht auf den Meeresgrund gesunken. Die nicht geborgenen Minen blieben über Jahre hinweg eine unsichtbare Gefahr. Noch in den 1920er Jahren versenkten sie so manches Handelsschiff in der Nordsee. Viele von ihnen trieben in den folgenden Jahren an weit entfernte Küsten. Im September 2019 - 100 Jahre nach Ende der Räumung! - wurde in den Marschen bei Thornham an der Nordküste der Grafschaft Norfolk in England ein Exemplar gefunden und kontrolliert gesprengt. 

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